Das Schwert ist die wohl symbolträchtigste Waffe der Geschichte. Von Prinzen und Königen getragen, als Symbol für Hoheit, Würde und Macht. Es unterschied den Adel vom Manne niederen Ranges.
Zu Beginn des 15. Jahrhunderts wurde es hauptsächlich von Mächtigen oder von Soldaten getragen. Vom 15. bis 18. Jahrhunderts wandelte es sich abgesehen von seiner symbolträchtigen Rolle vom Kriegsgerät zum Zivilschwert; einem unabdingbaren Begleiter eines Mannes von Stande. Das Schwert wurde nicht mehr ausschließlich zum Krieg verwendet sondern in zivilen Duellen, Zweikämpfen um die Ehre der Noblen. Im frühen 16. Jahrhundert bereits hatte es sich zum allgemeinem Brauch etabliert ein Schwert zu tragen, was dazu führte, dass die Kunst des Schwertfechtens systematisch gelehrt und praktiziert wurde.Marozzo:
Einer der ersten und einflussreichsten Theoretiker des zivilen
Schwertfechtens war Achille Marozzo, ein Italiener. Sein Hauptwerk
„La Opera Nova“ wurde 1536 publiziert. Darin stellt er
den Fechtern verschiedene Schutzhaltungen und Stellungen zur
Aneignung vor. Die beschriebenen Stellungen sind keine festen
Grundstellungen sondern Ausgangspositionen, aus denen man
verschiedene Angriffe versetzen bzw. entwickeln kann.
Bei Marozzo liegt der
Beginn einer systematischen und formellen Form des Schwertfechtens.
Die dargestellten Techniken waren immer noch sehr frei und ließen
auch Tritte, Körperstöße, Fußangeln und
dergleichen zu.
In der Renaissance war es
charakteristisch für Gelehrte wie zum Beispiel Michelangelo oder
Leonardo, dass sie an den verschiedenen Formen der Schwertkampfkunst
interessiert waren. Das Schwertfechten war neben Musik, Kunst, Tanz,
Mathematik, Architektur, Anatomie und Astronomie unabdingbarer
Bestandteil der Erziehung und Ausbildung eines noblen Mannes.Mit dem Wandel der gesellschaftlichen Akzeptanz, der Weiterentwicklung der Waffenherstellung und auch der Mode ging ein Wandel der Schwertform einher. Die Militärwaffe Schwert wurde zur Zivilwaffe, nun auch Rapier genannt. Der Name leitet sich vom spanischen espada robera, Gewandungsschwert, ab. Die Klingen wurden schmäler und leichter, die Parierstange entwickelte sich von der einfachen Querstange zu einem Griffkorb der die ganze Hand schützte. Dieser Griffkorb hauptsächlich machte das Rapier auch zu einem extrem kunstvollen Modeobjekt und damit sehr teuer.
Wo die Techniken des Marozzo noch dem großen Gewicht und der Schwerfälligkeit der breiten Klingen Tribut zollen mussten, so konnte nun eine neue Form des Schwertfechtens entstehen. Während zuvor noch oft ein Buckler, ein kleiner Faustschild der Infanterie mit dem Schwert benutzt wurde ging man später dazu über eine häufigere und auch stets parate Waffe zu benutzen; den Dolch. Der Dolch- und Rapierkampf war vor allem in der spanischen Schule vertreten, dort espada y daga1 genannt. Der Dolch als Zweitwaffe war noch bis zum Beginn des 18. Jahrhunderts in Gebrauch, auch wenn sich das Fechten mit dem Rapier als einzige Waffe immer mehr durchsetzte (siehe R. Capoferro).
Beim
Übergang vom 16. ins 17. Jahrhundert fand eine Hauptänderung
in der Technik des Schwertfechtens statt, die durch den Gebrauch des
Rapiers nun ermöglicht wurden; der Wandel vom Schnitt zum Stich.
Zwar gab es weiterhin Hieb- und Schnitttechniken, der Stich jedoch,
als ungleich schnellerer und präziserer Angriff, der den neuen
Eigenschaften des Rapiers perfekt entsprach trat in der Fechtkunst
einen Siegeszug an, den bis heute keine andere Technik aufhalten
konnte.
Die
Fechtkunst war neben ihrer Rolle als Verteidigungs- und Tötungskunst
genauso eine Wissenschaft, mit der sich sehr theoretisch beschäftigt
wurde. Die Gerade ist bekanntlich die kürzeste Verbindung
zwischen zwei Punkten, und somit die schnellste.
Stabilitätseigenschaften von Rauten-, Diamant- und
Dreiecksquerschnitt der Klinge verbunden mit genauren Vorstellungen
über das Verhältnis von Kraft, Fläche und Druck ließen
leichten, schmalen Klingen ungeahnte Stabilität zukommen. Diese
und ähnliche Erkenntnisse gepaart mit praktischen
Effizienzerfahrungen machten den Stich zum Königsweg für
den Sieg.Schwertfechten, wie auch immer, mit all der Theorie und Wissenschaft, die darum entstand, blieb eine äußerst pragmatische Angelegenheit. Falls plötzlich angegriffen musste ein Mann sich so gut verteidigen, wie er eben konnte. Und zwar mit allen Mitteln, die ihm zur Verfügung standen. So bot auf der Straße beispielsweise, aus Ermangelung eines Dolches auch der Umhang Schutz und eine Möglichkeit zur Parade.
Das Fechten mit dem Umhang als Zweitwaffe ist ein Relikt aus der Zeit, als das Rapier noch stets mit einer Zweitwaffe benutzt wurde und ist eine Erinnerung an den Umstand, dass ein Schwertfechter einsetzen musste was immer er konnte um sich zu wehren.
Capoferro:
Die Wiege des Fechtens
liegt in Italien, und nicht, wie viele romantische Musketier Anhänger
irrtümlicherweise glauben in Frankreich. Mitte des 17.
Jahrhunderts kamen also die Fechtbücher, die maßgeblichen
Fechtmeister und die derzeit dominierende Fechtschule aus Italien.
Den Höhepunkt dieser italienischen Fechtschule bildete der
Italiener Ridolfo Capoferro.
Sein
wichtigstes Buch, das „Gran Simulacro Dell’Arte E
Dell’Uso Della Scherma“ wurde bereits 1610 publiziert. Es
zeigt das Rapierfechten sowohl mit Dolch als auch mit Umhang als
Zweitwaffe. Capoferro trägt mit diesem Buch jedoch maßgeblich
dazu bei die Techniken des spada sola2,
also allein mit dem Rapier voranzubringen. Seine große
Leistung war es, den Wandel von der alten Schule wie sie etwa Marozzo
lehrte, mit vielen Seitwärtsschritten und meist mit Zweitwaffe,
zu einer neuen Schule, in der linear und mit spada sola gefochten
wurde, zu prägen und zu verkörpern.
Er perfektionierte die
Beherrschung des Rapiers, und zwar solcher Art, das nun mit einer
Waffe dieselben Aktionen möglich waren, wie sie zuvor nur mit
Zweitwaffe oder anderen Hilfsmitteln gelangen. Die Fechtkunst des
Capoferro lässt es beispielsweise zu, das stesso tempo3
mit nur einer Waffe zu bewältigen. Das heißt, Arm- und
Körperbewegungen und Klingenspiel ermöglichen es
gleichzeitig, in einer einzigen Aktion, sowohl den Angriff des
Gegners abzuwehren, als auch den Gegner anzugreifen und meist während
seines Angriffs zu töten.
Das
passato sotto4
beispielsweise vereint eine Körperparade, das nach unten und
seitliche wegtauchen des Körpers, mit einem Angriff „ins
tempo“ des Gegners. Der Gegner schlägt ins Leere und seine
eigene Energie leitet ihn in die aufgestellte Klingenspitze.
Als ein weiteres Beispiel
sei hier der Pendelstoß genannt. Diese Technik bringt die
Klingenspitze von einer durch das Parieren nach außen
gerichteten Position in eine tödliche, auf die Brust des Gegners
gerichtete Position, ohne den Klingenkontakt zu verlieren, und dem
Gegner somit die Möglichkeit zur Contraparade zu geben. Wie fast
alle Techniken Capoferros lässt ein korrekt angesetzter
Pendelstoß den Gegner nahezu chancenlos.
Capoferro
bricht auch das Bewegungsmuster der früheren Meister, die noch
das Fechten mit Schritten in einer Kreisbewegung lehrten und ermutigt
die Fechter statt dessen auf einer geraden Linie zu kämpfen. Er
setzt den Schwerpunkt auf Geschwindigkeit, auf das schnelle Angriff –
Riposte5
Prinzip, und fast ausschließlich auf den Stichangriff.
Diese Prinzipien und
Schwerpunkte sollten von andauernder Bedeutung bleiben. Sie bewährten
sich und durchherrschen das Fechten bis heute.
Das Fechten, wie wir es
heute kennen und wie es sich in den Grundprinzipien nun schon über
vier Jahrhunderte erhalten hat ist also zu einem Großteil auf
den Einfluss und die Kunst von Ridolfo Capoferro zurückzuführen.
Schon
im 16. Jahrhundert gab es in Italien so viele Fechtmeister, dass
diese auf der Suche nach einem Hof an dem sie unterrichten konnten
ihr Land verließen und vor allem nach Frankreich gingen, wo
derzeit Ludwig XIII mit einer Italienerin, Maria de Medici
verheiratet war. In der zweiten Hälfte des 16. Jahrhunderts gab
es also bereits viele italienische Fechtmeister in Frankreich und es
begann sich eine französische Fechtschule neben der
Italienischen zu entwickeln. Die französische und die
italienische Schule existierten ab der Mitte des 17. Jahrhunderts
gleichberechtigt nebeneinander ohne dass eine von beiden an Einfluss
verlor und von der anderen dominiert worden wäre6.
Mit Capoferro in Italien und seinem Zeitgenossen La Perge in
Paris erreicht das Rapierfechten sein kunstvollstes Stadium;
Pendelstöße, Körperparaden, Hebeltechniken,
Entwaffnungsriposten, Sprungangriffe, Klingenbindungen,...
Schnelligkeit, Eleganz und Effizienz. Einer der berühmtesten Fechter der Geschichte und der Literatur ist der Franzose Savinien Cyrano de Bergerac (1619 – 1655). Er war Fechtschüler des berühmten Meisters La Perge in Paris, was zu diesem Zeitpunkt noch bedeutet, dass Cyrano zu seinen französischen Versen die italienische Schule focht. Er studierte nicht nur mit Molière zusammen Philosophie und war einer der ersten Bewunderer Descartes’, nein, es wäre auch gar nicht unwahrscheinlich, dass er von Meister Capoferro persönlich fechten gelernt hätte. Das zumindest würde erklären, warum er so unglaublich viele Duelle überlebte, die ihn zu einer Legende machten.
Das Fechten entwickelte
sich selbstverständlich noch weiter. Die Grundprinzipien jedoch
blieben die selben. Die nächste große Stufe erreichte das
Fechten mit der Entwicklung des Small-Swords, einem Schwert, leichter
und biegsamer als das Rapier, dem heutigen Florett gar nicht
unähnlich, dessen Vorfahr es ist.Es wurde ausschließlich für Ehrenduelle und zur körperlichen Ertüchtigung genutzt. Einen Umhang, Dolch oder Tritte und Körperstöße in einem Small-Sword Duell einzusetzen hätte nun als unehrenhaft gegolten. Das Fechten löste sich von seinen Wurzeln als Verteidigungs- und Tötungskunst und wurde hoch formalisiert. Im Frankreich des 18. Jahrhunderts, etablierte sich so auch der Brauch sich mit den Waffen einen Fechtergruß zu entbieten, bevor man daran ging den Gegner zu töten; paradox, aber bis heute unbedingte Pflicht beim Fechten.
Aber dies ist nun eine andere Zeit, die Zeit einer genauso widersprüchlichen wie prachtvollen Gesellschaft, der Zeit Ludwig des XIV, des Sonnenkönigs.
Die Zeit der Musketiere.
Das Ende des Rapierfechtens.
Bruno Gransche, Januar 2003
